Nanobrain

Nationalismus (1) - Wir sind Nationalisten!

Allerdings ist dies keine wirklich aufregende Nachricht: Wir sind Bürger eines Nationalstaates und haben als solche eine besondere und exklusive Beziehung zu Deutschland - in Abgrenzung zu allen anderen Nationen. Wenn wir keine Steuern zahlen, meldet sich z.B. das deutsche Finanzamt, und wenn wir Sozialhilfe benötigen, gehen wir zu einem deutschen Sozialamt. Französischen, russischen oder chinesischen Ämtern sind wir weitestgehend gleichgültig. Als Staatsbürger, die sich an den Regeln dieses Landes orientieren, handeln wir also zumindest im weitesten Sinn auch nationalistisch und sind somit immer auch Nationalisten.

Gerne mag man das so nicht sagen, schließlich ist „Nationalismus“ - vergleichbar zu „Egoismus“ - ein zwiespältiger Begriff, da darin zumindest latent andeutet wird, dass andere als ausgegrenzt betrachtet sein könnten. Dies widerstrebt dem sozialen Selbstverständnis von Personen wie auch Gesellschaften.

Besonders problematisch ist der Begriff „Nationalist“ jedoch für uns Deutsche. Infolge der Ereignisse in der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts erscheint es uns kaum vorstellbar, in der Öffentlichkeit einigermaßen unbefangen über Begriffe wie „Nation“ oder „Nationalismus“ nachzudenken. Schon die sprachliche Nähe zum „Nationalsozialismus“ bereitet größtes Unbehagen.

Gelegentlich sind wir zwar stolz auf unsere „preußischen Tugenden“ und den „Dichter und Denker“ in uns, zum Zweiten Weltkrieg und den Massenmorden damals möchten wir jedoch verständlicherweise möglichst großen Abstand halten: Den haben die „Nazis“ aus „Nazideutschland“ angezettelt, das waren eigentlich nicht wirklich wir. Wir sind die Guten, die nur zwischendurch mal zum Bösen verführt oder gezwungen, am Ende aber glücklicherweise von all dem Übel befreit wurden.

Gänzlich überzeugen kann uns dieser Abspaltungsmythos freilich nicht: Als wir damals endlich erleichtert unsere „Befreier“ empfangen konnten, waren wir längst flächendeckend zerbombt und zerschossen worden und das auch noch aus gutem Grund und aus unserer eigenen Schuld. Allzu viele Optionen hat es da nicht mehr gegeben. In dieser Situation schnell noch die Seite zu wechseln, wird mehr als naheliegend gewesen sein.

Wer waren also diese Deutschen, die den alliierten Truppen zu Ende des Zweiten Weltkriegs jubelnd oder zumindest friedensbereit gegenübertraten? Heuchler? Ausgemergelte Möchtegern-Eroberer? Opportunistische Ex-Nationalsozialisten? Friedliebende Menschen, die zu scheußlichen Verbrechen gezwungen wurden?

Gut möglich, dass die Mehrheit oder zumindest viele Deutsche in den 30er und Anfang der 40er Jahre gegen Nationalsozialismus und seine Auswüchse waren. Sicher ist, dass es ab 1945 fast jeder als vorteilhaft erachten musste, diesen Eindruck zu erwecken. Wie auch immer die tatsächlichen Verhältnisse gewesen waren, der Zweifel an der Herkunft unserer neopazifistischen Gesinnung musste zwangsläufig bestehen bleiben.

Und so sind auch unsere späteren Rechtfertigungen und Entschuldigungen anderen gegenüber immer Entschuldigungen zweiter Klasse geblieben: Waren sie „echt“ oder kamen sie nur durch Zwang und Notwendigkeit infolge der Kapitulation zustande? Und: Hätte es sie auch freiwillig gegeben, d.h., wenn wir den Krieg gewonnen bzw. selbst beendet hätten?

Es brauchte 40 Jahre des zeitlichen Abstands zu den schrecklichen Ereignissen, des glaubwürdigen Handelns in der internationalen Gemeinschaft und nicht zuletzt der selbstentlastenden Geschichtsdeutung bis Richard von Weizsäcker uns 1985 als Opfer eines Systems nationalsozialistischer Gewaltherrschaft präsentieren konnte. Der Kulminationspunkt einer desaströsen militärischen Niederlage, die Kapitulation vom 8. Mai 1945, wurde dabei zu einem „Tag der Befreiung“.

Geschichte wird „geschrieben“, und dies war zweifellos eine der vorteilhaftesten Interpretationen, die wir uns wünschen konnten. Die Bösen von früher waren zumindest im Prinzip aussortiert, und wir konnten und durften uns demütig aber erhobenen Hauptes in die Völkergemeinschaft einordnen. Das machte uns zwar nicht gerade zu strahlenden Helden, aber immerhin waren wir auch keine überhebliche, skrupellose und menschenverachtende Massenmörder mehr.

Die Aufrechterhaltung dieses Mythos war und ist allerdings mit Kosten verbunden. Diese Kosten rühren daher, dass der Mythos leicht infrage gestellt werden kann und eben nicht zwangsläufig bzw. unbestreitbar und damit „selbstverständlich“ ist. Stattdessen muss er immer wieder erneuert werden. Stärker und häufiger als andere müssen wir Deutschen uns gegenseitig rückversichern, dass wir tolerant, friedliebend und menschenfreundlich sind. Der geringste öffentlich formulierte Zweifel daran führt sofort zu verbaler bzw. medialer Abstrafung.

Die eigentlichen Kosten bestehen dabei weniger im kommunikativen Mehraufwand, sondern in der Verkürzung und Einengung des Diskussionsrahmens und folglich des gesellschaftlichen Entscheidungsspielraums. Öffentlich angestellte Überlegungen (z.B. zur militärischen Ausstattung oder zum Asylrecht), die sich sich auch nur in die Nähe dessen begeben, was auch von Nationalsozialisten gedacht wurde, werden unverzüglich sanktioniert. Selbst sprachliche Formulierungen, die bloße Assoziationen hierzu wecken könnten (z.B. „Nationalismus" )  werden schnell zum Gegenstand öffentlicher bzw. medialer Feme.

Über die Jahre entstand eine beträchtliche gesellschaftliche Tabuzone politisch unkorrekten Denkens. Diese Zone wird auf Schärfste überwacht, und wer ihre Außengrenze überschreitet, gerät unverzüglich in ein massives Sperrfeuer durch Medien oder durch die jeweilige politische Oppositionspartei.

Umgekehrt müssen Personen oder Gruppen, die Aufmerksamkeit erlangen oder etablierte gesellschaftliche Strukturen attackieren möchten, lediglich diese Grenze überschreiten. Hierzu genügt es, bei passender Gelegenheit öffentlich einen beliebigen Arm in eine beliebige Richtung rechtwinklig abzuspreizen oder eine Fahne zur Schau zu stellen, auf der ein hakenkreuzartiges Gebilde abgebildet ist. Die mediale Aufmerksamkeit wird prompt folgen.

Radikale Strömungen können und dürfen natürlich nicht ignoriert werden. Man mag aber darüber spekulieren, ob und inwiefern die Tabuisierung von Handlungen oder Aussagen aufgrund ihrer bloßen Nähe zu unserer Nazi-Vergangenheit tatsächlich geeignet ist, gesellschaftsschädigende Entwicklungen zu entschärfen bzw. verhindern. Möglicherweise trägt sie im Einzelfall sogar dazu bei.

Mit Sicherheit bilden Tabus aber ein ideologisches Korsett, das die gedankliche Bewegungsfreiheit insgesamt einschränkt. Damit werden nicht nur vermeintlich unerwünschte sondern höchstwahrscheinlich auch potentiell zielführende Überlegungen der Gemeinschaft unterbunden oder ausgeblendet.

Solange man sich im Ballsaal befindet, ist ein Korsett ein passendes Accessoire sich zu inszenieren und den Normen und Erwartungen entsprechend aufzutreten. Ergibt sich jedoch wieder die Notwendigkeit, sich gesellschaftlich weniger hochstehenden Verrichtungen zuwenden zu müssen, so erweist es sich schnell als Behinderung und man wird folglich geneigt sein, sich dessen zu entledigen. Man kann auch ohne Korsett Haltung bewahren. Die mag zwar manchmal schwieriger sein, immerhin ist es dann aber die eigene Haltung.


18.7.16 09:30, kommentieren

Landtagswahlen März 2016 - Die belegbaren Ergebnisse

Hier nun also die nicht-offiziellen aber zumindest "eindeutig belegbaren" Ergebnisse der drei Landtagswahlen im Frühjahr 2016:

 Zunächst Baden-Württemberg:

 

Anhand der Wahlbeteiligung von 70,42% lässt sich berechnen, dass etwa für die CDU nur 19 % der Wahlberechtigten  (statt 27 %) gestimmt haben, für die AfD lediglich 10,6 % (statt 15,1 %). 29,58 % der Wahlberechtigten haben für niemanden gestimmt.

Rechnerisch wurden damit 99 Sitze tatsächlich vergeben, für 44 Sitze erfolgte kein explizites Votum. Dennoch wurden diese Sitze anteilig den restlichen Parteien mit über 5% zugeschlagen.

Setzte man voraus, dass es sich bei den Nichtwählern um eine Art "zufällige Ausfälle" handelt (z.P. keine Zeit, Urlaub, politisches Desinteresse), so wäre diese Verfahrensweise plausibel. Man könnte sie zunächst dadurch begründen, dass nach dem Prinzip der Repräsentativität das unvollständige Wahlergebnis die Volksmeinung dennoch korrekt wiedergibt. Liegt keine Meinung vor, so könnte man ergänzend argumentieren, die zugehörige Stimme müsse auch nicht berücksichtigt werden.

Allerdings ist diese Interpretation mit Sicherheit nicht vollständig. Ein mehr oder weniger großer Anteil der Nichtwählerschaft besteht aus politisch interessierten Personen, die sich durch keine der Parteien angemessen vertreten fühlen oder diese vielleicht sogar kritisieren und ablehnen.

Für derartige "Vetostimmen" lässt die demokratische Repräsentation jedoch keinen Raum. Für Wahlen gilt salopp gesagt: Pest oder Cholera, aber keins von beidem geht nicht!

Im oben gezeigten Fall werden also 44 zumindest unklare Sitze unter den registrierten Parteien verteilt. Ein Teil dieser Sitze ist sicherlich durch Zufall zustande gekommen, ein Teil hat aber eine politische Relevanz, die hier aus welchen Gründen auch immer ignoriert wird.

Aus diesen Grunde wurden die hier dargestellten Ergebnisse "eindeutig belegt" genannt". Über den Rest kann man diskutieren. Ihn stillschweigend zu vereinnahmen könnte man auch als befremdlich empfinden.

Im Folgenden zur Vollständigkeit eine Darstellung der beiden anderen Ergebnisse.

Rheinland-Pfalz:

 


 

Sachsen-Anhalt:

 


 

4.4.16 10:27, kommentieren

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