Nanobrain

„Fremdenfeindlichkeit“

Es gibt keine „Fremdenfeindlichkeit“ in Deutschland. Um das sollte man auch beachten!

Menschen neigen dazu, das Verhalten anderer daraufhin zu untersuchen, warum diese vermutlich etwas tun. Eine von mehreren mehr oder weniger unbewusst ablaufenden Strategien richtet sich darauf, zu sondieren, ob ein Verhalten durch innere Motive angeregt oder eher durch die Umwelt bzw. Situation stimuliert ist. Z.B.: Ist die andere Person so freundlich, weil sie mich so nett findet, oder ist sie gut gelaunt und zu allen freundlich? Oder: Schimpft der andere über mich weil ich tatsächlich etwas Schlimmes getan habe, oder ist er schlicht und ergreifend ein Nörgler?

Derartige Analysen sind wichtig und hilfreich zur Anpassung des eigenen Verhaltens: Bezüglich des oben genannten Nörglers sollte man im ersten Fall vermutlich seine Verhaltensweisen kritisch überdenken, um weitere negative Rückmeldungen bzw. Probleme zu vermeiden. Im zweiten Fall kann man sich getrost zurück lehnen, da das Verhalten des anderen in dessen Persönlichkeit begründet liegt („Er ist halt ein Querulant und streitet sich mit jedem.“) und mit dem eigenen Verhalten nicht viel zu tun hat. Hier gibt es keine Notwendigkeit sich anzupassen.

Bei der Zuschreibung oder „Attribution“ von Verhaltensursachen kommt es jedoch immer wieder auch zu mehr oder weniger systematischen „Attributionsfehlern“. Unter anderem neigen wir dazu, Verhaltensursachen, die in der Person liegen, zu über- und situative Faktoren zu unterschätzen. Der Grund hierfür liegt in einer gewissen Beurteilungsökonomie: Situative Faktoren sind oft nicht leicht erkennbar, und man kann auch deren Wirkung auf das jeweilige Gegenüber nicht gut einschätzen. Gerät man beispielsweise unvermittelt in Streit mit einer anderen Person, so wird man dazu neigen, diese als „aggressiv“ in Sinne einer Persönlichkeitsdisposition zu bezeichnen. Wahscheinlich wird es sich jedoch um eine ganz „normale“ Person handeln, die gerade in Zeitdruck ist, sich selbst gerade geärgert hat oder vielleicht sogar auf eine eigene ungeschickte Bemerkung verständlicherweise gereizt reagiert. All diese Gründe sind jedoch ad hoc schwieriger zu erkennen und nachzuvollziehen, so dass die Interpretation „der ist halt aggressiv“ ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts zunächst einmal die einfachste und ökonomisch vorteilhafteste - sprich: „bequemste“ - ist.

Wie ist das nun mit der öffentlich gerne gerügten „Fremdenfeindlichkeit“ in Deutschland?

Würde man den Begriff ernst nehmen, so müsste man annehmen, dass in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten Menschen die interne Disposition entwickelt hätten, gegenüber anderen Menschen, die ihnen fremd sind, feindliche Gefühle zu empfinden oder zu äußern. Bei Säuglingen ist dieses Phänomen des „Fremdeln“ bekannt. Für Erwachsene muss man jedoch stark bezweifeln, dass sie im Laufe weniger Jahre gegenüber Fremden einfach so und zeitlich und situativ überdauernd feindliche Gefühle entwickelt haben. Abgesehen davon wäre auch zumindest grob zu klären, wer mit „fremd“ überhaupt gemeint sei soll: „von der Person her nicht bekannt“, „andere Hautfarbe“, „andere Nationalität“, „andere Sprache“ etc.?

Vielmehr werden seit geraumer Zeit verschiedene Entwicklungen der nationalen Öffnung von einem Teil der Bürgern dieses Landes mit zunehmender Skepsis, Sorge und Ärger gesehen. Einwanderung und Zuzug insbesondere aus ost- und südosteuropäischen Ländern brachten nicht nur humanitäre und wirtschaftliche Erfolge, sondern auch verstärkte Kriminalität, Konkurrenz um Beschäftigung und mancherorts auch soziale Entfremdung. Hinzu kam dann die zunächst unkontrollierte Aufnahme von Flüchtlingen aus südlicheren Ländern. Angesichts immer unsichererer wirtschaftlicher Prognosen stellte man sich mancherorts die Frage, ob denn dabei die nationalen Ressourcen auch noch zur Bewältigung der internen Probleme reichen würden.

Diese und noch noch andere – situative – Faktoren haben manchen dazu veranlasst, sich kritisch gegenüber der jeweils aktuellen Politik bzw. bestimmten Elementen daraus zu äußern. Der Schwerpunkt dieser Kritik betraf grob gesehen den Wunsch, nationale Interesse zu priorisieren, wodurch außernationale Angelegenheiten naturgemäß an Gewichtung verlieren.

Es ist eine Sache, ob man auf gesellschaftlicher Ebene den darin enthaltenen Ideen und Argumenten folgen will. Zumindest im Prinzip ist es eine demokratische Entscheidungsfrage, ob man seine Ressourcen primär für nationale Interessen und Interessengruppen einsetzen möchte, oder ob man sich eher global verstehen und Interessen und Interessengruppen international gleichrangig behandeln will.

Diesem Entscheidungsdruck eine legitime Frage betreffend sollte man sich als Demokrat aber auch stellen. Ihn stattdessen medial einfach mit Begriffen wie „Fremdenfeindlichkeit“ abzutun, und andere dadurch zu stigmatisieren und ihnen die Teilnahme am demokratischen Pluralismus zu verweigern, ist undemokratisch.

Abgesehen davon ist es gesellschaftspolitisch gefährlich: Die Übergangenen könnten sich – nicht ganz unbegründeterweise - leicht ausgeschlossen und diffamiert fühlen, und versuchen, sich auf radikaleren Wegen Gehör zu verschaffen.

Man wird dieses Thema auch nicht aussitzen können. Ganz im Gegenteil werden uns Fragen der nationalen Integrität und Selbstbestimmung noch eine lange Weile mit steigender Intensität beschäftigen:
Erstens wird durch Bevölkerungswachstum bei unzureichender Ressourcenerschließung in vielen Regionen der Erde die weltweite Flüchtlingsproblematik und damit der Einwanderungsdruck nach Deutschland und in die EU noch erheblich zunehmen.
Zweitens haben sich im Zuge der wirtschaftlichen Globalisierung gewaltige Geldströme, die eine Voraussetzung der gesellschaftspolitischen Gestaltung bilden, der nationalen Kontrolle entzogen. Relativ zu internationalen Wirtschaftsorganisationen verlieren politische Instanzen an Gestaltungsraum, wodurch gesellschaftsrelevante Entscheidungen im nationalen Sinn zunehmend fremdbestimmt werden. Politik verliert faktisch und in der Wahrnehmung der Bürger an Einfluss bei seiner zentralen Aufgabe – der Führung eines Landes.

Möglicherweise ist hier auch eine Grund für die genannten Stigmatisierungsversuche zu finden. Die etablierten politischen Parteien, die sich naturgemäß ihrer jeweiligen Tradition verpflichtet fühlen, scheinen angesichts der neuen Herausforderungen eine gewisse Ohnmacht zu verspüren, diesen Herausforderungen zu begegnen. (Zumindest wird derartiges in jüngerer Zeit unter Bezug auf diskrete Informationsgeber gelegentlich berichtet, z.B. Die Zeit, 29/2016, „Ratlos wie nie“.)

Keine soziale, christliche oder liberale Partei kann es beispielsweise mit ihrem Selbstverständnis vereinbaren, unterernährte Flüchtlinge in kaltem Wasser ertrinken zu lassen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die Möglichkeiten, dieses und ähnliche Dramen zu verhindert, begrenzt sind. Man wird wohl auf Dauer nicht anders können als entweder die nationalen Ressourcen überzustrapazieren oder Flüchtlinge ihrem Schicksal zu überlassen bzw. geflissentlich das Augenmerk in andere Richtungen zu lenken.

Vor diesem Hintergrund sind andere Parteien aufgetreten, die vorgeben, die anstehenden Probleme zugunsten der ersten Option, der Stärkung nationaler Interessen, bewältigen zu können. Diese konnten in kurzer Zeit einen beträchtlichen Anteil der Wählerschaft an sich binden.

Stigmatisierung dürfte wohl Bestandteil einer mehr oder weniger geplanten Strategie etablierter Parteien sein, den jungen politischen Gegner zu diskreditieren und die eigene Position zu stärken. Die damit einher gehenden vordergründig humanitär ambitionierten Appelle erweisen sich aus dieser Sicht eher als hilflose Versuche, das eigene politische Überleben noch etwas zu verlängern.

Besser wären sicherlich politische Konzepte, die in der Lage sind, den gegenwärtigen Entwicklungen Rechnung zu tragen und einen Weg in die Zukunft zu weisen. Den Mut, eingetretene Pfade zu verlassen und neue Wegen öffentlich zumindest anzudenken, hat bislang unter den etablierten Parteien bedauerlicherweise jedoch noch niemand gefunden.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass es auch keine „Wutbürger“ gibt. Und „Populisten“ dürften, so der Vorwurf gerechtfertigt sein sollte, ohnehin über alle politischen Lager einigermaßen gleich verteilt sein. Schließlich leben Parteien von Wählerstimmen, und die Anstrengungen, solche zu erhalten, unterscheiden sich seit langem nur unwesentlich von Waschmittelwerbung oder Verkaufsveranstaltungen bei Kaffeefahrten.

10.8.16 14:17

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